Gastbeitrag von E.K.

 

Vorhersagen und die Realität

Seit dem Jahre 2000 haben wir in Deutschland eine jährlich wachsende Wolfspopulation. Diese Tatsache findet ein Teil der Bevölkerung toll und spannend, während der andere Teil darüber eher besorgt reagiert. Zeitgleich wachsen aber auch die jährlichen Risse an Weidetieren sowie die Kosten.

Von den führenden Naturschutzverbänden sowie von Wolfsberatern, Rissgutachtern und den verschiedenen Ministerien werden die Wölfe wie folgt beschrieben:

Wölfe sind scheue Rudeltiere, die nachts jagen und Menschen meiden. Es sei wie ein 6er im Lotto, wenn Menschen einen Wolf zu sehen bekämen. Wölfe springen nicht, im ersten Schritt versuchen sie immer zu graben; bekommen sie dann vom stromführenden Zaun eine gewischt, bleiben sie fern. So ganz generell würde ein 90 cm hoher, stromführender Zaun ausreichen, um die Weidetiere wolfssicher zu schützen. Überhaupt würden Wölfe wenn, dann nur Schafe oder auch mal Ziegen reißen, an große Weidetiere gehen sie nicht.

In der Realität werden Wölfe sehr häufig von Menschen gesehen, was sich auf vielen Bildern, Videos und in Schilderungen zeigt und sie zeigen kein scheues Verhalten, im Gegenteil. Sie jagen auch tagsüber, nicht nur nachts und sie überspringen alle bisher als sicher angepriesenen Zäune bis zu 150 cm Höhe, manchmal auch mit Herdenschutzhunden dahinter. Im echten Leben reißen Wölfe alles, was auf den Weiden steht, incl. Großtieren wie Pferden und Rinder. Auch vor Damwild wird nicht Halt gemacht.

 

Die Wölfe haben in 20 Jahren gelernt, dass von uns Menschen keine Gefahr ausgeht, sie sich bequem überall bedienen können. Selbst wenn mal ein Zaun hoch erscheint oder die dahinter befindlichen Herdenschutzhunde wenig einladend reagieren…, dann läuft man als Wolf halt 3 km weiter zur nächsten Weide, die einfacher zu überwinden ist oder keine Hunde zusätzlich schützen. Können wir wirklich alle Weideflächen so zäunen, dass Wölfe nicht eindringen können? Wie verändert dies unsere Landschaft und was bewirkt es für alle anderen Wildtiere, deren Lebensraum dadurch vollkommen beschnitten und verändert wird? Wollen wir tatsächlich auf jeder Weide mehrere große, schwere Herdenschutzhunde halten, die gegen die Wölfe kämpfen, letztendlich bis einer aufgibt, schwer verletzt oder gar tot ist?

 

Die Ministerien der einzelnen Bundesländer in Deutschland verfügen über sog. Managementpläne. In diesen wird geregelt, wie Zäune aussehen müssen, damit ein Tierhalter bei einem eventuellen Übergriff von Wölfen seine Schäden ersetzt bekommt. Diese Pläne sind bundesweit unterschiedlich.

Vergleicht man die Pläne und Vorgehensweisen seitens der Ministerien, so kann man feststellen, dass häufig „nachgerüstet“ werden muss im Herdenschutz. Hieß es anfangs noch in Bundesland A, dass ein stromführender Zaun mit 90 cm Höhe wolfssicher sei, so sind nach einigen Jahren im gleichen Bundesland Zaunhöhen von 120 cm verpflichtend, nur noch wolfsabweisend und werden dennoch überwunden.

 

Auch die Schadensregulierungen sind bundesweit unterschiedlich. Häufig werden Präventions- und Entschädigungsmaßnahmen nur für gewerbsmäßige Tierhalter genehmigt. Tatsächlich handelt es sich dabei um ca 20% der Tierhalter; die restlichen 80% sind Hobbytierhalter, deren Tiere aber nicht weniger wert sind und oft genug auch die gleiche Arbeit in der Landschaftspflege leisten. Prävention und Entschädigung wird in den meisten Bundesländern auch nicht für große Weidetiere, wie Pferde, Kühe oder Rinder genehmigt, da diese sich angeblich selbst schützen können. Die Realität zeigt leider etwas anderes.

 

Die Entwicklung der Population

Im Monitoringjahr 2000/2001 gab es in Deutschland das erste Wolfsrudel mit 4 Nachkommen im Bundesland Sachsen. Bereits fünf Jahre später, also im Monitoringjahr 2005/2006 wurden in Deutschland 3 Territorien festgestellt, die von 2 Rudeln und einem Paar besetzt waren mit insg. 10 Welpen als Nachwuchs.

Weitere 5 Jahre später, also im Monitoringjahr 2010/2011 konnten 20 Territorien mit 7 Rudeln, 7 Paaren und 6 Einzeltieren dokumentiert werden. In sieben der zwanzig Territorien wurden insgesamt 35 Welpen festgestellt.

Im Monitoringjahr 2015/2016 waren bereits 72 Territorien von Wölfen besetzt. Es konnten 47 Rudel, 21 Paare und 4 Einzeltiere festgestellt werden. In 45 Territorien fand eine Reproduktion von insgesamt 175 Welpen statt.

Bereits 3 Jahre später, also im Monitoringjahr 2018/2019 (Stand 30.04.2019) konnten in 11 Bundesländern 145 Territorien nachgewiesen werden. Dabei handelte es sich um 105 Rudel, 29 Paare und 11 Einzeltiere. In 100 Territorien wurde Nachwuchs von insgesamt 394 Welpen bestätigt.

 

Wobei so wirklich sagen, wie viele Wölfe aktuell in Deutschland leben, kann man nicht. Alle gefundene Spuren von Wölfen, wie z.B. Kot oder auch Rissspuren an Wild sowie Weidetieren, werden untersucht und bekommen eine Zuweisung, so dass wenn weitere Spuren auftauchen, man diese bestenfalls zuordnen kann oder aber weiß, dass es sich um eine neue, noch nicht in der Datenbank gespeicherte Probe (und somit Wolf) handelt. Eine solche Kennung besteht aus den Buchstaben „GW“ für Deutscher Wolf, einer fortlaufenden Zahl, die auch Aufschluss darüber gibt, wie viele unterschiedliche DNA-Spuren gefunden wurden und dem Buchstaben „f“ oder „m“ für weiblich/männlich. Die aktuelle Zahl Anfang August 2020 aufgenommener unterschiedlicher Wolfs-DNA liegt bei 1.700. Somit lässt sich sagen, dass sicher mehr als 1.700 unterschiedliche Wölfe bisher in Deutschland lebten; einige Wölfe von denen DNA-Proben existieren, leben natürlich nicht mehr, Wölfe werden keine 20 Jahre alt.

Der tatsächliche Bestand Stand August 2020 wird auf über 1.500 Individuen geschätzt. Die Wolfspopulation steigt jährlich um ca. 30%.

Hier nochmals eine Grafik welche das Populationswachstum verdeutlicht.

 

Die Entwicklung der Schadensfälle

Parallel zur steigenden Wolfszahl sind auch die Übergriffe auf Weidetiere gestiegen. Waren es im Jahre 2010 noch unter 200 verletzter oder getöteter Weidetiere, so waren es im Jahre 2015 bereits über 700, im Jahre 2017 bereits über 1.600 und im Jahr 2019 ist die traurige Rekordzahl von über 2.800 getöteter Weidetiere zu verzeichnen.

Aber auch die Tierarten, die von Wölfen gerissen werden, haben sich verändert. Waren es in den ersten Jahren vorwiegend Schafe, so finden sich in den letzten Jahren immer mehr Großtiere wie Rinder, Kälber und Pferde in den offiziellen Risslisten mit steigender Tendenz. In 2018 waren 5 Pferde Opfer, in 2019 waren es bereits 11 und für 2020 liegen ebenfalls schon viele Meldungen über gerissene große Weidetiere vor.

Die Grafik von DBBW verdeutlicht nochmals den starken Anstieg gerissener Weidetiere. Es begann im Prinzip 2015, als auch die Anzahl der Wölfe deutlich angestiegen ist.

 

Die Entwicklung der Kosten

Kosten im Umgang mit Wölfen entstehen z.B. durch Präventionsmaßnahmen wie entsprechenden Zäunen, Herdenschutzhunden, aber auch Ausgleichszahlungen, wenn es dennoch zu Übergriffen auf geschützte Herden kommt. Es gibt noch eine ganze Menge anderer Kosten, wie die DNA-Untersuchungen, Untersuchungen der Totfunde, Verwaltungskosten, Kosten der Herdenschutzzentren, ein Wolfskrankenwagen, Kosten die entstehen bei einer Entnahmeverfügung…, aber diese paar Millionen wollen wir hier unberücksichtigt lassen.

Wie bei DBBW nachzulesen ist, übersteigt die Finanzierung der präventiven Herdenschutzmaßnahmen die Ausgleichszahlungen um ein Vielfaches. Das widerspricht doch eindeutig den Hetzen der Wolfsbefürworter, dass die Weidetierhalter ihre Tiere nicht richtig schützen (wollen) würden.

Im Jahre 2015, also 15 Jahre nach der Ansiedlung der Wölfe in Deutschland, betrugen die Ausgaben für Herdenschutzmaßnahmen 1.045.854,91 €. Die Ausgleichszahlungen wegen Schäden hingegen betrugen lediglich 107.782,80 €. Diese Kosten blieben in 2016 und 2017 grob ähnlich mit 1,1 bzw. 1,3 Millionen Euro an Prävention und 135 bzw. 187 Tsd Euro für Ausgleichszahlungen.

Im Jahr 2018 hingegen sind die Kosten für Herdenschutzmaßnahmen deutlicher gestiegen und zwar auf 2,3 Millionen, also grob eine Million mehr als im Vorjahr. Der Schadensausgleich hingegen stieg weniger an und lag bei 232.790 €.

Im Jahr 2019 sind die Kosten dann jedoch sprunghaft angestiegen. Für Präventionsmaßnahmen wurden 8.038.110 € ausgegeben. Der Schadensausgleich belief sich auf 418.246 €, also auch fast das Doppelte als im Vorjahr. Diese Entwicklung erachte ich durchaus als erschreckend. 8 Millionen Euro für Zäune und Hunde und die Wölfe reißen munter weiter.

Zur Verdeutlichung Präventions- und Ausgleichszahlungen nochmal im Diagramm:

 

 

 

 

 

 

 

 

Ich denke mit diesem Diagramm dürfte klar sein, dass die allermeisten Tierhalter ihr möglichstes versuchen um ihre Tiere zu schützen.

 

Die Entwicklung der Totfunde

So wie alles angestiegen ist, so steigen leider auch die Zahl der toten Wölfe. Dabei ist auffallend, dass die meisten Wölfe dem Verkehr zum Opfer fallen und nicht, wie fälschlicherweise gerne behauptet wird, durch illegale Tötungen.

 

In den 10 Jahren 1999-2009 gab es insgesamt 20 Totfunde, davon 10 durch Verkehrsunfälle; das entspricht etwa einem überfahrenen Wolf im Jahr. Die nächsten 5 Jahre, also 2010-2015, wurden insgesamt 99 Totfunde registriert, davon waren 71 durch den Verkehr verursacht. Im Jahr 2019 wurden 125 Totfunde registriert, davon 100 durch Verkehrsunfälle. Das entspricht in etwa zwei durch den Verkehr getöteten Wölfen pro Woche. Diese Zahlen scheinen sich in 2020 fortzusetzen, denn bisher (Woche 32) gab es bereits 60 Totfunde, davon 50 durch Verkehrsunfälle.

Zusammenfassend kann man sagen:

Die Population der Wölfe hat sich von 2015 bis 2019 verdreifacht. Parallel dazu haben sich die Nutztierrisse vervierfacht und die Kosten an Präventions- und Ausgleichzahlungen sogar versiebenfacht!

 

Erklärung zur folgenden Grafik: Um die Anzahl der Wölfe grob zu berechnen, wertete ich ein Rudel mit 8 Individuen (2 Elterntiere und jeweils 3 Nachkommen aus dem aktuellen und dem Vorjahr) plus die Paare und Einzeltiere. Das Jahr 2015 beschreibt das Monitoring 2014/2015 mit Stand 30.04.15. Die Kosten bestehen lediglich aus den Präventions- und Ausgleichszahlungen und beschreiben jeweils „Millionen“, also in 2015 wäre das 1.154.000 Euro.

 

Um noch einen kleinen Moment bei den Kosten zu bleiben, hier ein paar Beispiele.

Im Jahre 2018 hat die Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL) errechnet, dass für den Freistaat mehr als 57.000 Kilometer Weidezaun nötig seien. Das seien Kosten in Höhe von 241 bis 413 Millionen Euro für die Errichtung von Schutzzäunen (welche bisher munter übersprungen wurden). Eingerechnet werden müssen dann noch die jährlichen Folgekosten, welche laut LfL zwischen 28-43 Millionen Euro liegen. Die Personalkosten für die nur 10 Wölfe in Bayern lagen in 2018 bereits bei 288.000 Euro.

Wie hoch sind wohl die Kosten in anderen Bundesländern mit erheblich mehr Wölfen? Leider sind hierzu keine öffentlichen Listen oder Einträge zu finden.

Niedersachsen kostete der Wolf im Jahr 2019 rund eine Million Euro. Laut einer Sprecherin des Umweltministeriums flossen 736.000 € in Schutzmaßnahmen während 225.000 € für das Wolfsmanagement, z.B. DNA-Analysen, benötigt wurden. Die Kosten für den im Januar 2019 zum Abschuss freigegebenen Wolfsrüden GW717m betrugen im August des gleichen Jahres bereits 83.000 €. Eingeplant sind für diesen Rüden 150.000 €. Es scheint kompliziert, einen Wolf zu töten, wenn man sich diese Kosten anschaut.

 

Es ist grundsätzlich sehr schwierig, genaue Zahlen zu erhalten. Das Monitoring kann nur die Wölfe zählen, die eindeutig nachgewiesen oder per DNA erfasst wurden. Es gibt mit Sicherheit eine hohe Zahl an Wölfen, die bisher unerkannt und unauffällig blieben.

Auch die Zahlen der gerissenen/verletzten Nutztiere sind nicht wirklich genau, denn nicht bei jedem Riss konnte das zuständige Institut die Proben auswerten. Häufig kamen da auch eher verwunderliche Ergebnisse zum Vorschein, wie z.B. dass bei einem mehrere hundert Kilogramm schweren Kalb Fuchs-DNA gefunden wurde, aber kein Wolf. Man kann natürlich spekulieren, ob das Kalb eines natürlichen Todes starb und Füchse nur Nachnutzer waren, oder ob es vom Wolf gerissen wurde, aber halt nur Fuchs-DNA in der Probe war. Solche Ergebnisse sind keine Einzelfälle. Ein weiterer Grund für eine ungenaue Anzahl gerissener Nutztiere liegt darin, dass viele Nutztierhalter die Risse gar nicht mehr melden! Dies hängt in erster Linie mit dem aufwändigen und zeitintensiven Prozedere ab (stundenlange Begutachtung des Rissgutachters, seitenweises Ausfüllen von Anträgen…).

Laut Senckenberg-Institut, welches für die Untersuchung aller DNA-Proben in Deutschland zuständig ist, kostet eine Untersuchung/Analyse zwischen 100-200 Euro.

 

Abschließend stellt sich die Frage, wie viele Millionen Euro noch ausgegeben werden bzw. wie viele Wölfe Deutschland veträgt unter Beibehaltung der Weidetierhaltung, des Tourismus u.a. auf Almen (die z.T. in Österreich schon geschlossen wurden für den Tourismus), aber auch in der Heide, an den Deichen…. Die Tierhalter züchten kein Wolfsfutter, die angepriesenen Herdenschutzmaßnahmen halten die Wölfe nicht ab – wir brauchen eine funktionierende Lösung für alle, nicht nur im Sinne des Wolfes auf Kosten aller anderen Lebewesen.

 

 

Letzte Aktualisierung 12.08.20