Gastbeitrag von E.K.

 

Eine kleine Einführung

In meiner romantischen Vorstellung kehrt der Wolf nach Deutschland zurück, lebt dort in den Wäldern, reißt krankes, altes oder verletztes Wild und es braucht schon extrem viel Glück, als Waldspaziergänger einen Wolf in großer Distanz davonhuschen zu sehen.

Je mehr ich mich informierte, umso mehr änderte sich dieses romantische Weltbild vom friedlichen Zusammenleben zwischen Mensch und Wolf. Dennoch bin ich nach wie vor ein Freund des Wolfes und nicht sein Gegner, aber ich habe für mich ein paar kleine Bedingungen daran geknüpft…

Die Tier- und Naturfreunde heißen den Wolf in Deutschland mit offenen Armen willkommen und behaupten, ein Leben mit ihm sei kein Problem, welches nicht überwunden werden könnte. Wie dieses z.B.: Weidetierhalter, die ihre Schafe, Rinder, Ziegen, Pferde… auf den Koppeln stehen haben, befürchten, dass diese für den Wolf eine leichte Beute darstellen.

Wolfsbefürworter fordern, dass die Weidetierhalter ihre Tiere entsprechend vor dem Wolf schützen müssen, damit dieser die Umzäunungen nicht einfach so überwinden kann. Gewerbliche Weidetierhalter bekämen dafür ja auch finanzielle Unterstützung und sollten die Wölfe doch Nutztiere reißen, gäbe es ja auch Entschädigungen.

Ist das wirklich so einfach? Wird da wirklich alles bezahlt? Und was ist mit den Hobbytierhaltern, die sich nur ein paar wenige Schafe oder Ziegen halten, vielleicht noch ein paar Hühner dabei? Was ist mit all den Pferdehaltern? Und wie muss so ein wolfssicherer Zaun eigentlich aussehen? Bietet er denn auch tatsächlich Schutz?

Welche Möglichkeiten gibt es für Wanderschäfer, die keine Zäune stellen können oder für Weidehaltung im Moor oder sonstigem unwegsamen Gelände? Was passiert eigentlich, wenn ich als Waldspaziergänger auf einen Wolf oder gar ein Rudel treffe? Kann das gefährlich für mich, meine Kinder, meinen Hund sein? Muss mein Hund jetzt immer an der kurzen Leine gehen, nur weil die Wölfe in den Wäldern herumstreifen? Ist es richtig, dem einen (Weidetieren z.B.) seine Freiheit einzugrenzen, während der andere (in diesem Falle der Wolf) alle Freiheiten genießen soll und darf? Natürlich lebten auch die Weidetiere bisher nicht komplett frei, sondern hinter einem Zaun. Aber viele Halter können die großen Weideflächen aus unterschiedlichen Gründen (Boden, Struktur, fehlende oder nicht erteilte Baugenehmigung, Finanzierung…) nicht so hoch umzäunen, wie das nötig wäre. Wer die Möglichkeit hat, verbringt die Tiere dann auf kleinere Weideflächen, evtl. auch näher am Haus gelegen. Somit haben die Tiere weniger Platz und andere Probleme können auftreten.

By Razvan Antonescu under CC BY License*

 

Weshalb sind die Menschen so unterschiedlicher Meinung, was steckt dahinter? Sind die Ängste begründet oder nur Panikmache? Ist der Wolf wirklich so willkommen und vor allen Dingen auch nützlich in unserer Kultur? Was sagt das Recht, die Gesetzgebung, die Politik und was sagen die Bürger?

Persönlich muss ich sagen, liebe ich den Wolf. Er ist in meinen Augen ein faszinierendes Tier mit seiner Intelligenz, seinem sozialen Verhalten, seiner Kraft und seiner Schönheit. Ich hatte mehrfach Gelegenheit Wölfe in Gehegen zu beobachten und auch in den direkten Kontakt mit ihnen zu gehen – das waren sehr schöne Erlebnisse, die ich nicht missen möchte.

Dennoch, egal wie sehr ich persönlich angetan bin vom Wolf, ich möchte ihn weder in meinem Vorgarten, noch bei meinen Weidetieren (so ich welche hätte), noch möchte ich auf einem ganz normalen Waldspaziergang mit meinem Hund von Wölfen begleitet werden. Es gibt also Grenzen zwischen meiner Liebe zu dem Tier und dem Verständnis, inwieweit es hier in unserer Kulturlandschaft denn auch in Ruhe und Frieden – für alle – leben kann!

 

 

Wie leben Wölfe denn eigentlich?

Wölfe leben normalerweise in einem Rudel, bestehend aus den Elterntieren und den im Rudel verbleibenden Nachkommen. Jungwölfe verlassen häufig im Alter von ca. 2 Jahren ihre Familie und begeben sich auf die Suche nach einem Partner zur Gründung eines neuen Rudels in einem eigenen Territorium. Es kommt auch vor, dass der eine oder andere Wolf im Rudel verbleibt, also nicht abwandert um ein eigenes zu gründen.

Der europäische Wolf – um den es hier in erster Linie geht – hat im Durchschnitt eine Schulterhöhe von 60 bis 90 cm bei einem Gewicht von 35 bis 60 Kilogramm. Wer einem Wolf schon einmal gegenüberstand, wird feststellen, dass es sich um ordentlich imposante Tiere handelt. Nicht umsonst zählt er zu den großen Beutegreifern und befindet sich ganz oben in der Nahrungskette. Natürliche Feinde hat er somit – zumindest bei uns in Deutschland – keine. Lediglich der in vielen Bereichen Deutschlands wieder beheimatete Luchs könnte für Wolfswelpen eine Gefahr darstellen. Auch der Braunbär steht ganz weit oben in der Nahrungskette und könnte ein Konkurrent des Wolfes sein. Noch haben wir keine freilebenden Bären in Deutschland, aber auch dieser Gedanke ist den entsprechenden Behörden mehr als vertraut.

Das Territorium eines Wolfsrudels ist unterschiedlich groß, für Deutschland wird eine Fläche von 250 bis 350 Quadratkilometer vermutet (offizielle Angaben vom Wolfsmonitoring Niedersachsen). Die Größe eines Territoriums ist immer auch abhängig von der Gesamtstruktur und dem Nahrungsangebot. Wölfe verteidigen ihr Territorium vehement gegenüber Feinden, wie rudelfremden Wölfen oder auch anderen Beutegreifern, zu denen durchaus auch Hunde zählen können.

By OnyxDog86 under CC BY License*

 

Das sich fortpflanzende Elternpaar zieht entweder alleine oder mit Hilfe des restlichen Rudels die im Mai/Juni geborenen Welpen auf. Ebenfalls je nach Nahrungsangebot und Struktur kann ein Wurf bis zu 11 Welpen betragen, in der Regel sind 4-8 Welpen zu erwarten.

Die Nahrung des Wolfes besteht hier bei uns in erster Linie aus Schalenwild (Reh-, Rot- oder Schwarzwild) wobei der Anteil des Rehwildes offenbar überwiegt. Etwa 65% der Beutetiere des Wolfes sind Kälber des Schalenwildes. Der Nahrungsbedarf eines erwachsenen Wolfes liegt bei ca. 3-4 kg Fleisch pro Tag. Umgerechnet bedeutet das auf ein Jahr gesehen etwa 65 Rehe, 9 Stück Rotwild und 16 Wildschweine – pro Wolf.

Was aber passiert, wenn der Wolf einfachere Beute als Reh-, Rot- oder Schwarzwild erjagen kann, z.B. Weidetiere wie Schafe, Kälber, Damwild etc.? Wird er seine Nahrung umstellen auf diese leicht zu erbeutenden Nutztiere? Oder kann er durch geeignete Maßnahmen dahingehend vergrämt werden, dass er die Jagd auf Weidetiere lässt?

Wandernde Wölfe, meistens Jungwölfe so um die 2 Jahre alt, können problemlos 40 bis 50 km in einer Nacht zurücklegen. Diese weiten Wanderungen dürften dafür verantwortlich sein, dass sich der Wolf so schnell verbreitet. Er ist ein extrem anpassungsfähiges Tier, ob er sich jedoch in unserer dicht besiedelten Kulturlandschaft auch wohl und sicher fühlen kann?

 

 

Die Verteilung der Wölfe in Deutschland

Die Verbreitung in Deutschland geht rasant voran. Derzeit betroffen sind vor allen Dingen die Bundesländer Sachsen, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Thüringen, Bayern und Sachsen-Anhalt.

Ein Monitoringjahr beginnt jeweils zum 01.05. des laufenden Jahres und endet zum 30.04. des Folgejahres. Die nachfolgenden Zahlen entstammen der Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf (DBBW), der offiziellen Beratungsstelle (Quelle DBBW ).

Im Monitoringjahr 2016/2017 leben in Deutschland in 84 Territorien 60 Rudel plus 22 Paare und 2 Einzeltiere 

Bayern: 2 Paare
Brandenburg: 22 Rudel und 6 Paare
Mecklenburg-Vorpommern: 3 Rudel und 1 Paar
Niedersachsen: 10 Rudel plus 6 Paare und 1 Einzeltier
Sachsen: 14 Rudel und 6 Paare
Sachsen-Anhalt: 11 Rudel und 1 Paar
Thüringen: 1 Einzeltier

Im Monitoringjahr 2017/2018 leben in Deutschland in 111 Territorien 75 Rudel plus 33 Paare und 3 Einzeltiere

Bayern: 1 Rudel und 2 Paare
Brandenburg: 26 Rudel und 12 Paare
Mecklenburg-Vorpommern: 4 Rudel und 3 Paare sowie 2 Einzeltiere
Niedersachsen: 15 Rudel plus 9 Paare
Sachsen: 18 Rudel und 4 Paare
Sachsen-Anhalt: 11 Rudel und 3 Paare
Thüringen: 1 Einzeltier

Somit hat sich innerhalb eines Jahres die Zahl der Rudel um 15 erhöht und die Zahl der Paare um 11. Das nenne ich „ordentlich Zuwachs“.

Ob bei den genannten Zahlen wirklich alle Einzeltiere und Paare erfasst wurden, ist generell nicht auszusagen, da Wölfe durchaus in der Lage sind, sich „heimlich“ zu verhalten und nicht aufzufallen. Es gibt immer wieder Stimmen, die von „Geisterwölfen“ oder „Geisterrudeln“ sprechen, also gesehenen Wölfen oder gar kompletten Rudeln (vermutlich kleineren), jedoch noch ohne offizielle Bestätigung (mangels Belegen, Bildern, Videos…).

Genaues Zahlenmaterial über die Anzahl der in Deutschland lebenden Wölfe, aufgeteilt in 1-jährige, 2-jährige und in erwachsene Tiere, konnte ich nicht ausfindig machen. Die Schätzungen der „Experten“ sind hier sehr unterschiedlich. Während die einen von insgesamt (Adulte plus Welpen) ca. 400 Tieren ausgehen (davon 150-200 erwachsene Tiere), sind andere der Meinung, es könnten doppelt so viele sein.

Als Laie kann man sich aber auch selbst einen kleinen Überblick verschaffen. Rechnet man damit, dass ein Rudel Wölfe aus einem Elternpaar besteht (2 Tiere), 5 Tieren aus dem Vorjahr und 5 Welpen, so hätten wir einen Durchschnitt von 12 Individuen pro Rudel. Das umgerechnet würde bedeuten, dass wir im Mai 2017 mit 60 Rudeln… ca. 766 Individuen hatten, während das im Jahr darauf mit 75 Rudeln dann schon 969 Individuen waren, also in etwa 200 Tiere mehr – in einem Jahr.

In dem Link Wolfskarte DE ist grafisch die Entwicklung nochmals sehr gut dargestellt. Ein Klick auf den entsprechenden Kartenpunkt und es öffnet sich auf der linken Bildschirmseite ein Fenster mit den entsprechenden Erklärungen dazu.

Das Bundesland Niedersachsen hat im März 2018 veröffentlicht, wo sich überall Wölfe befinden und spricht aktuell von 15 Rudeln allein in NDS Niedersachsen: Wo gibt es wieviele Wölfe?.

 

Letzte Änderung 30.08.19

 

 

*Bilderquelle CC BY License