Gastbeitrag von Elke Kauth

Es ist für mich nicht wirklich aufbauend, wenn ich meinen Kunden und anderen Interessierten versuche zu erklären, wie das ist mit der positiven und negativen Verstärkung/Strafe, wenn dann ein Kollege das Thema komplett durcheinander würfelt und leider auch falsch darstellt. Das ist kein Bashing eines Kollegen, sondern reine Aufklärung für interessierte und jetzt zum Teil verunsicherte Hundehalter.

 

Hier also nochmal die klare Bedeutung/Definition der Begriffe positive/negative Verstärkung/Strafe.

Positiv und negativ im Zusammenhang mit den 4 Quadranten (Lernsäulen) wird rein mathematisch angesehen. Positiv bedeutet somit, dass etwas hinzugefügt wird und bei negativ wird demnach etwas entfernt. Also ganz vereinfacht: plus und minus.

Das zweite Wörtchen (Verstärkung/Strafe) besagt, wie es sich für den Hund anfühlt.

Bei der positiven Verstärkung wird somit etwas hinzugefügt, was sich belohnend auf den Hund auswirkt, was er gerne hat, was ihm gut tut. Dadurch wird das Verhalten, welches zuvor gezeigt wurde, positiv verstärkt. Es wird zukünftig häufiger, schneller, sicherer auftreten. Im Ergebnis sehen wir einen motivierten und freudig mitarbeitenden Hund.

Die positive Strafe ist ganz genauso aufgebaut. Es wird etwas hinzugefügt, was sich jedoch strafend auf den Hund auswirkt, was ihn schmerzt oder ängstigt. Das führt bestenfalls dazu, dass der Hund das zuvor gezeigte Verhalten zukünftig weniger oft zeigen wird (aus Angst vor eben dieser Strafe, nicht weil er verstanden hätte, was er ansonsten tun soll). Im Ergebnis wird der Hund häufig verängstigt, kann das Vertrauen in seinen Halter schlimmstenfalls verlieren, der Halter wird unberechenbar für den Hund.

Die beiden negativen Formen sind ein ganz klein wenig komplizierter, ich versuche es dennoch so einfach als möglich zu erklären. Die negative Verstärkung. Wir erkennen das Wörtchen „negativ“ und wissen, es wird etwas entzogen oder entfernt und das wiederum tut dem Hund gut. Ich sehe schon die Fragezeichen in eurem Kopf *lach*, aber so schwer ist es gar nicht. Zum besseren Verständnis ein kleines Beispiel, das ihr sicherlich alle kennt: Der eigene Hund hat Probleme mit einem sich nähernden Reiz (vom Artgenossen bis zum Auto kann das alles sein), es gruselt ihn, er kann diesen Reiz nicht einschätzen, findet ihn vielleicht sogar bedrohlich oder gefährlich. Gewähren wir nun unserem Hund eine größere Distanz (solange er sich noch angepasst verhält), „entfernen“ wir den Reiz ein stückweit und unser Hund fühlt sich besser. Die negative Verstärkung wirkt somit erleichternd auf den Hund. Soweit so gut.

Aber, speziell die negative Verstärkung hat so ihre Tücken. Nehmen wir Hundehalter, die ihren Hund in eine Verhaltensweise schieben, ziehen oder drücken, beispielsweise Zug auf das Halsband bringen und den Hund am Po nach unten drücken, damit er sich hinsetzt. Diese Handlung ist im ersten Schritt unangenehm für den Hund. Sitzt er dann, nimmt der Halter diese unangenehme Einwirkung (Zug auf dem Halsband und Druck auf den Po) weg. Dies findet der Hund deutlich angenehmer, logisch. Somit wäre auch das eine negative Verstärkung, jedoch wurde im Vorfeld etwas Unangenehmes hinzugefügt. Man sollte sich dessen bewusst sein und genau überlegen, in welchen Situationen man die negative Vestärkung einsetzen möchte!

Als letzten und vierten Quadranten gibt es dann noch die negative Strafe. Es wird also etwas entfernt und genau das wirkt sich nicht so nett auf den Hund aus, er empfindet dies als Strafe. Als Beispiel: wir nehmen dem Hund sein Spielzeug oder Futter weg oder wir enthalten es ihm vor. Das Ergebnis hier ist ganz häufig Frustration, die durchaus auch mal in eine aggressive Form kippen kann.

Bei uns im Training setzen wir vordergründig die positive Verstärkung ein, wir loben und belohnen sehr viel, versuchen fehlervermeidend zu arbeiten. Um dem Hund die nötige Distanz zu bedrohlichen Auslösern zu gewähren, verwenden wir häufig die negative Verstärkung. Aber auch die negative Strafe kommt – selten, aber sie kommt – zum Einsatz und zwar immer dann, wenn der Hund eine Belohnung erwartet und diese nicht erhält, weil das gezeigte Verhalten „nicht gut genug“ (zu langsam, nicht an der richtigen Stelle…) oder komplett falsch war. Immer wenn es möglich ist, versuchen wir anstatt der negativen Strafe mit der differenziellen Verstärkung zu arbeiten, heißt: für ein richtig gut ausgeführtes Verhalten gibt es eine richtig tolle Belohnung, für mäßig ausgeführtes Verhalten eine deutlich weniger Wertvolle. Hunde sind in der Regel in der Lage, diese Unterscheidungen zu erkennen und zukünftig bemüht, die hochwertige Belohnung er erhalten.

 

Zurück zu der Erklärung des Kollegen, der behauptet, „negativ“ bedeutet, dass der Mensch Maßnahmen ergreift, um ein Verhalten zu unterbinden! Das ist schlichtweg falsch, sorry. Bitte nicht böse sein lieber Kollege, aber wenn derart falsche Informationen gestreut werden, sehe ich mich genötigt, zumindest die Leute aufzuklären, die wirklich bemüht sind, alles richtig zu verstehen und richtig umzusetzen. Diese Menschen werden durch solche Aussagen nämlich ganz „wuschig“ und verunsichert.

Der Kollege erklärt, dass der Hund in der heutigen Zeit lernen muss, welche Verhaltensweisen ihm Vorteile und welche ihm Nachteile bringen – das nenne ich „LERNEN“ und stimme ihm zu. Als Beispiel führt er jedoch an, dass der Mensch dem Hund Futter präsentiert und dann eine Verhaltensweise abfragt, die der Hund aber nicht ausführt. Als Folge (Konsequenz) wird ihm das Futter entzogen – er erhält es also nicht – und das sei negative Verstärkung.

Sorry, total falsch, denn das wäre eine negative Strafe. Wer glaubt denn bitte, dass es sich toll auf den Hund auswirkt, wenn man ihm sein Futter entzieht? Das wirkt sich vermutlich frustrierend aus, aber sicherlich nicht verstärkend! Die Erklärung, dass der Hund dadurch lernt, dass wenn er etwas nicht befolgt, ihm etwas wichtiges (hier das Futter) entzogen wird, stimmt schon – aber das ist eine Strafe und kein Verstärker. Hier wird also letztendlich über strafende Elemente gearbeitet, die als „Verstärker“ deklariert werden. Ganz fatal.

Die Aussage, dass eine rein positiv verstärkte Arbeit dazu führen wird, dass der Hund ständig Grenzen überschreitet und somit gar nicht im sozialen Mensch-Hund-Gefüge lebensfähig wäre, halte ich ebenfalls für falsch! Wenn ich einem Hund doch mitteile, dass er dieses und jenes toll und gut gemacht hat und dies auch eine Belohnung nach sich zieht – wieso überschreitet er denn dann seine Grenzen? Oder weshalb sollte er das tun wollen – er weiß doch genau, was sich für ihn lohnt und genau das wird der Hund eben auch zeigen, denn so sind Hunde!

Es ist auch nicht nötig, eine Aversion aufzubauen, wenn wir über strafende Elemente arbeiten, denn es ist bereits eine Strafe, wenn der Hund an der Leine zieht und nicht ankommt, wo er hin möchte. Es ist strafend, wenn er in einer Erwartung steht, die nicht erfüllt wird. Wir müssen dafür nicht noch extra aversiv einwirken, das ist schlicht und ergreifend nicht nötig. Für mich persönlich ist es aversiv genug, wenn ich meinen Hund z.B. am Geschirr festhalte, so dass er in seiner Eigenbewegung eingeschränkt ist, nicht tun kann, was er eigentlich tun möchte (buddeln, jagen, aggressiv vertreiben…) – diese Form der Einwirkung ist absolut ausreichend, so der Hund es richtig gelernt hat!

 

Abschließend noch ein paar Sätze zu der Begrifflichkeit „positiver Verstärker“. Ich werde immer wieder mit der Aussage konfrontiert – meist von Kunden, die schon einige TrainerInnen hinter sich haben – dass es bei ihrem Hund über positive Verstärkung nicht funktioniert, hätte man alles schon versucht. Solche Aussagen sind doch aber in sich widersprüchlich, denn ein positiver Verstärker verstärkt das Verhalten, sonst ist es eben keiner. Im Prinzip ganz einfach, wenn man das einmal verinnerlicht hat. Versucht man dem Hund also etwas beizubringen und das funktioniert nicht, so wird das Verhalten schlichtweg nicht verstärkt! Woran das dann ganz genau liegt, kann ein erfahrener TrainerIn, der sich auskennt mit Verstärkern, dem Lernen und allem was damit zu tun hat, durch genaues hinschauen und analysieren, herausfinden und somit seinem Kunden auch helfen.

Das bedeutet im Umkehrschluss, dass diese Kunden oder Hundehalter evtl. noch nicht den richtigen Verstärker für ihren Hund in der entsprechenden Situation gefunden haben. Auch hierzu ein kleines Beispiel: der Hund, der gerade eine Katze sieht (und Katzen zum Fressen gern hat), bekommt ein Trockenfutterbröckchen angeboten, welches er nicht nimmt. Stattdessen stellt er sich ein paar Sekunden später tobend in die Leine und gibt alles. Nun zu sagen, dass die Arbeit über positive Verstärker nicht funktioniert, ist lachhaft. Natürlich ist für den Hund, der eine Katze (ver)jagen möchte, ein Bröckchen Trockenfutter kein Verstärker. Der Körper ist nicht auf Fressen eingestellt, sondern auf Jagen, Hetzen, evtl. auch auf Töten. Hätte dieser Hund im Vorfeld und zunächst ganz reizarm und im Laufe des Trainings unter immer stärkerer Ablenkung, ein Alternativverhalten erlernt (z.B. einen Blickkontakt zu seinem Menschen oder ein hinsetzen und ruhiges Schauen), sähe das schon anders aus. Dann könnte man nämlich genau diese Alternative abfragen und den Hund für die Ausführung mit einem Hetzspiel in die Gegenrichtung zur Katze belohnen. Häufig wirkt sich das verstärkend aus, sprich das Alternativverhalten wird zukünftig wahrscheinlicher und somit auch schneller gezeigt.

Positive Verstärkung ist also weit mehr, als nur ein Leckerchen geben. Hat jemand das noch nicht verstanden, dann darf er natürlich auch sagen, dass es bei seinem Hund mit der positiven Verstärkung nicht klappt, denn in solchen Fällen gibt es einfach noch ein paar Wissenslücken, die es zu füllen gilt. Bei Kunden ganz normal und auch okay und ich freue mich darauf, das nötige Wissen weitergeben zu dürfen.

Lasst euch also bitte nicht verwirren durch den kurzen Clip und der falschen Erklärung zu dem Thema „V wie Verstärker“. Es ist so schon schwierig genug alles zu verstehen und meiner Meinung nach absolut unnötig hier noch einen zusätzlichen Wirrwarr zu veranstalten. Leider hat der Kollege auf mehrere Hinweise, dass er da was verwechselt, mit Löschungen reagiert, drum erlaube ich mir, dies neutral richtig zu stellen.

Ich hoffe jetzt ist es wieder ein wenig klarer.

Liebe Grüße Elke

 

 

 

 

Advertisements