Schlagwörter

,

In Facebook laufen recht heiße Diskussionen zu einem Artikel, den der bekannte Hundetrainer Thomas Baumann verfasst hat. Als Hundehalterin hab ich ja nun nicht DIE Ahnung, aber so einiges kommt mir doch seltsam vor. Die Kernaussage des Artikels besteht wohl – so habe ich es verstanden – darin, mitzuteilen, dass Training über positive Verstärkung seine Grenzen hat, er stellt sie als „zweifelhaft“ dar.

Ich habe ja nichts persönlich gegen Herrn Baumann, aber einige seiner Aussagen wollte ich nicht einfach so unkommentiert stehen lassen. Meine Hundetrainerin arbeitet schon seit über 15 Jahren mit dem Clicker und über positive Verstärkung und das mit einem sehr großen Erfolg. Hinzu kommt die Tatsache, dass Herr Baumann in seinem Artikel einige Dinge behauptet, die er aber nicht belegt. Bei solchen „Fakten“ habe ich immer ein wenig Bauchschmerzen.

So schreibt Thomas Baumann beispielsweise:

Die „neue“ Generation Hundetrainer propagiert sowohl in der Hundeerziehung als auch in der Verhaltenstherapie bei problematischen Hunden die angeblich effektivste und stets „heilsame“ Macht der sogenannten POSITIVEN VERSTÄRKUNG als alternativlose Umgangs- und Trainingsform mit Hunden. Hingegen werden reglementierende Umgangsformen im Zusammenleben mit dem Hund als „Strafreize“ und damit aversive Einflüsse kategorisch abgelehnt.

Was heißt hier „neue Generation Hundetrainer“? Ich kenne einige HundetrainerInnen, die bereits seit 10 und mehr Jahren über die positive Verstärkung arbeiten – von „neuer Generation“ kann da ja wohl nicht die Rede sein.

Leider hat Thomas Baumann nicht detailliert beschrieben, was er mit „reglementierende Umgangsformen“ genau meint. Handelt es sich dabei um einen kräftigen Leinenruck? Um ein zischendes „Gscht“ oder einen „Kick“ in die Flanken des Hundes? Bedeutet dies den Einsatz diverser Schreckreize oder ein laut gebrülltes „Nein, Pfui etc.“?

Das alles wissen wir nicht. Was wir jedoch wissen ist Folgendes: Hundetrainer die über positive Verstärkung arbeiten, wenden durchaus auch Strafe an und sie setzen deutliche Grenzen! Aber sie erschrecken dabei den Hund nicht, fügen ihm keine Schmerzen zu und erst recht keine Angst vor ihrem eigenen Menschen. Auch richtiges Strafen will gelernt sein!

Weiterhin schreibt Herr Baumann:

Unter ethischer oder auch moralischer Betrachtung ist der Tatbestand der Tierquälerei aber durchaus erfüllt! Wer einen Welpen ein oder zwei Jahre lang durchs Leben begleitet und dabei irgendwann feststellt, dass die ausschließlich angewendete positive Verstärkung klare und nachvollziehbare Grenzen hat, steht häufig in der Mensch-Hund-Beziehung vor einem Scherbenhaufen.

Hm, wer einen Welpen ein oder zwei Jahre lang durchs Leben begleitet und dabei mit positiver Verstärkung arbeitet, der hat – so er verstanden hat, was positive Verstärkung alles beinhaltet – einen wunderbaren Hund an seiner Seite. Das können viele Kunden bestätigen, die in ebensolchen Hundeschulen waren oder sind, von Trainern betreut werden, die schlichtweg wissen, was sie tun!

Und natürlich gehört das Setzen von Grenzen dazu. Aber es fordert etwas Gehirnleistung seitens des Menschen, zu erkennen, wie man einen Hund in seinem Verhalten unterbrechen kann, ohne dass er einem Schreckreiz ausgesetzt oder körperlich gemaßregelt wird!

Und von Tierquälerei zu sprechen, wenn jemand seinen Hund nicht erzieht…., ein klein wenig überspitzt oder etwa nicht?

Den nächsten Absatz kann ich nicht ganz nachvollziehen, aber vielleicht weiß ja von den Lesern jemand Genaueres darüber:

Keine Frage, die Wissenschaft benötigt die Hypothesen der Praktiker und die Praktiker sollten zumindest die Erkenntnisse wissenschaftlicher Grundlagen in ihrer Arbeit berücksichtigen. Und dennoch sollte keinesfalls der Fehler gemacht werden, die Umgangsformen mit Hunden alleine durch wissenschaftliche Aussagen steuern zu wollen. Genau das aber passiert gerade im Hundewesen! Unsere Hunde werden funktional betrachtet, obwohl sie mit einer unglaublichen emotionalen Intelligenz ausgestattet sind.

Wieso betrachten Menschen, die über positive Verstärkung arbeiten, ihre Hunde nur funktional? Wo steht, dass so arbeitende Menschen die emotionale Intelligenz ihrer Hunde nicht berücksichtigen? Ich weiß nicht, weshalb dies immer und immer wieder geschrieben/behauptet wird, ohne dass es jemals erklärt werden konnte. In meinen Augen ist dieser Satz einfach nur aus der Luft gegriffen, einfach mal was behauptet, was so schlicht und ergreifend – zumindest nach meinen Erfahrungen – nicht stimmt.

Thomas Baumann schreibt weiter:

Hundetrainern wird unter anderem durch das „Klickern von Hühnern“ beigebracht, wie eine Konditionierung bei unseren Hunden genau funktioniert. Niemand kann mit diesem Wissen den tatsächlichen Ansprüchen und Bedürfnissen eines emotional derart hochstehenden und mit uns Menschen eng verbundenen sozialen Lebewesens gerecht werden!

Mir ist kein Hundetrainer bekannt, der das Clickertraining bei Hühnern erlernte, um es dann bei Hunden anzuwenden. Das Clicken von Hühnern kann die Beobachtungsgabe, die Schnelligkeit, das Timing… verbessern, ist also eher eine zusätzliche Möglichkeit, sein Können zu verbessern, nicht es zu erlernen.

Dem Clickertraining Emotionen abzusprechen, ist absoluter Quatsch, sorry. Der Clickton markiert doch im Prinzip nur punktgenau ein erwünschtes Verhalten. Die danach folgende Belohnung, wie z.B. gemeinsames Rennen, Spielen, ins Wasser hüpfen, einen Ball erjagen, den zuvor ausgelegten Futterbeutel suchen (lassen), eine Spur verfolgen und vieles andere mehr – neben auch mal einem Leckerchen/Keks – ist doch Emotion pur?! Wird nicht gerade mit diesen vielen unterschiedlichen und angepassten Belohnungen den tatsächlichen Ansprüchen und Bedürfnissen unserer Hunde entsprochen?

Die lernenden Hundetrainer können das alles im Vorfeld nicht wissen und wenden deshalb im Hundetraining und in der Hundeerziehung die behavioristische Konditionierungslehre fast schon inflationär ein. Nur so ist erklärbar, dass unsere Hunde sehr wohl „funktional“ auf Klicker, Leckerli und sonstige Hilfsmittel reagieren, immer weniger aber den für ein harmonisches Zusammenleben sozialen und damit emotionalen Austausch mit dem Lebenspartner Mensch kennenlernen.

Auch hier erkenne ich leider keine Fakten, sondern – sorry – Unkenntnis. Natürlich reagieren die Hunde auf den Clicker, ist ja ein konditionierter Verstärker, wir haben das unserem Hund ja bewusst beigebracht, dass es sich lohnt, auf den Clicker zu reagieren.

Mein Hund zeigt also ein erwünschtes Verhalten, ich als Mensch betätige den Clicker. Was passiert jetzt eigentlich bei meinem Hund? Er wird – da er das so erlernt hat – in der Erwartung auf eine Belohnung stehen. Menschlich nennt man das wohl Vorfreude. Der clickende Mensch kann dies auch in der Körpersprache, der Mimik seines Hundes erkennen. Das hat für mich viel von Harmonie, sozialem und vor allen Dingen emotionalem Austausch. Erhält der Hund dann seine – der Situation und den Bedürfnissen angepasste – Belohnung, dann steigen die Emotionen auf beiden Seiten erneut. Der Hund freut sich über seine Belohnung und der Mensch freut sich, weil sein Hund sich freut. Ein tolles emotionales, soziales Miteinander.

Thomas Baumann schreibt weiterhin:

Ein Klicker, der mit einer Futterbelohnung verbunden wird, kann das Dopaminsystem ansprechen und sorgt auch für die Ausschüttung von Endorphinen, den sogenannten Glückshormonen. Für den sozialen Austausch, und damit für eine Optimierung von Bindung und Beziehung zwischen Hund und Mensch ist hingegen das unter dem Beinamen „Kuschelhormon“ bekannte und stresslindernde Hormon Oxytocin verantwortlich. Niemand dürfte bestreiten wollen, welche Variante sich vorteilhafter auf das soziale Management in der Mensch-Hund-Beziehung auswirkt.

Ich bin außerordentlich erfreut darüber mitteilen zu können, dass man nach dem Click auch kuscheln darf mit seinem Hund. Voraussetzung dafür ist natürlich, dass der Hund das auch möchte, als belohnend empfindet. Und niemand dürfte bestreiten wollen, dass auch Menschen, die ihren Hund mittels Clicker trainieren, ganz viel Zeit mit Kuscheln und Schmusen verbringen, so dass Oxytocin ausgeschüttet werden kann.

Clickende Menschen clicken nicht nur, die haben ein ganz normales Leben mit Höhen und Tiefen, guten und schlechten Tagen, mal mit mehr und mal mit weniger Zeit und Nerven für den Hund. Und natürlich erfährt ein Hund, der über positive Verstärkung trainiert wird, auch mal „Ungerechtigkeit“, wird mal angepflaumt oder angemeckert, einfach weil sein Mensch gestresst ist, weshalb auch immer.

Der Clicker ist doch „nur“ ein Hilfsmittel im Training mit unserem Hund. Eines von vielen! Es gibt genügend Trainer und Hundehalter, die zwar clicken, aber dennoch nicht über positive Verstärkung arbeiten. Und man stelle sich vor, man kann auch über positive Verstärkung arbeiten, ohne zu clicken.

Hierin bin ich mit Thomas Baumann sogar einer Meinung:

Wachstum bedeutet vor allem Veränderung und dazu scheinen viele nicht bereit zu sein.

Für viele Trainer aus dem Bereich der positiven Verstärkung oder auch des gewaltfreien Trainings ist diese Aussage blanke Realität. Nicht jeder hat von Beginn seines Trainerdaseins über diesen positiv verstärkenden Weg gearbeitet, ganz im Gegenteil. Die meisten kennen den Einsatz von Strafen mit aversiven Hilfsmitteln (Kettenwürger, Disk-Scheiben, Wassperspritzpistole, Stachelhalsband, Stromreizgerät…) nur zu gut, weil sie eben früher selbst so arbeiteten. Die einen mehr, die anderen weniger.

Diese Trainer haben ihren Umgang komplett verändert, ihr (altes) Wissen so ziemlich begraben und sich dem angeschlossen, was nachweislich den schnellsten, sichersten und nachhaltigsten Erfolg bringt: der Arbeit über positive Verstärkung und damit verbunden dem Verzicht auf erschreckende, bedrohliche, ängstigende oder schmerzende (auch nicht nur „ein bisschen“ weh tun) Strafreize.

Im weiteren Verlauf beschreibt Thomas Baumann, wie unnütz der „Deal“ mit dem Tauschgeschäft ist. Ich habe den Absatz zweimal gelesen, ein Training über positive Verstärkung konnte ich nicht erkennen:

Die meisten Anhänger des Behaviorismus scheinen beispielsweise nicht zu erkennen – oder wollen es nicht erkennen – dass eines der häufigsten Merkmale einer fehlgesteuerten Hundeerziehung die so häufig propagierten „Tauschgeschäfte“ sind. Bei „Tauschgeschäften“ wird dem Hund das Schweineohr nicht gegen seinen Willen weggenommen, sondern ihm wird ein gleich- oder höherwertiges Angebot gemacht. Lässt er daraufhin das Schweineohr los, erhält er zur Belohnung das Tauschobjekt. Was hat diese Form des „dealens“ mit Hundeerziehung zu tun? Nichts! Denn eine auf freiwilliger Basis konditionierte Handlung läuft völlig außerhalb erzieherischer Ansprüche.

Tauschen kann eine Managementlösung sein, z.B. wenn der Hund noch nicht – über positive Verstärkung – hat lernen dürfen, dass er auf Signal, das was er im Fang hält, fallen lassen soll. Tauschen kann auch ein erster Schritt in ein Training sein, mit dem Trainingsziel ein Aussignal zu etablieren. Tauschen ist jedoch keinesfalls das Endergebnis der Arbeit über positive Verstärkung.

Wenn Herr Baumann sagt, dass auf freiwilliger Basis konditionierte Handlungen außerhalb erzieherischer Ansprüche laufen, dann hinterfrage ich, was es mit erzieherischen Ansprüchen zu tun hat, einem Hund etwas gegen seinen Willen wegzunehmen?

Weiter schreibt Herr Baumann:

Die meisten der mir vorgestellten sogenannten Problemhunde, die vehement und teilweise bissig ihre Ressourcen verteidigen, haben ihre Grundlage für dieses Verhalten durch Tauschgeschäfte“ in der Welpenzeit erhalten.

Das erleben Trainer, die über die positive Verstärkung arbeiten, auch immer wieder. Wenn ein Hundehalter mit einem Tauschgeschäft beginnt, sei es weil es ihm ein Trainer gesagt hat, sei es weil er es in einem sozialen Netzwerk oder einem Blog gelesen hat oder gar im Fernsehen gesehen hat, so hat all das nichts damit zu tun, dass ein „Austraining“ über positive Verstärkung nicht funktioniert. Wenn ein Halter oder auch ein Trainer einen Trainingsfehler macht, ist das nicht einfach mal so pauschal der positiven Verstärkung zuzuschreiben.

Hier beschreibt Herr Baumann, wie er es für richtiger erachtet:

Wer jedoch Wert auf einen soliden erzieherischen Grundstock legt, wird grundsätzlich keine „Tauschgeschäfte“ machen, sondern den ruhigen und besonnenen Weg der sozialen und vor allem konstruktiven Auseinandersetzung gezielt suchen. Selbstverständlich ohne jegliche aggressive Gewalt. Hat der Zweibeiner das Schweineohr seinem Vierbeiner schließlich erfolgreich entnommen, erfolgt selbstverständlich eine Belohnung. Entweder durch Wiedergabe des Schweineohrs oder durch eine mindestens gleichwertige Belohnung unmittelbar nach dem Auslassen des Schweineohrs.

In diesem Video, welches Herr Baumann in Facebook veröffentlicht hat, zeigt er, wie das in der Praxis aussieht. Ich interpretiere das Verhalten des Hundes ganz anders, als er das beschreibt, aber das soll nicht Gegenstand dieses Artikels sein. Das Video ist der Vollständigkeit halber verlinkt und jeder darf sich sein eigenes Urteil bilden. Meine Trainerin würde so nie mit einem Welpen arbeiten.

So ganz nebenbei würde mich auch mal interessieren, wie ein Herr Baumann einem Kaukasen oder auch nur einem Rottweiler, der sein Schweineohr heftigst verteidigend im Fang hält, dieses auf einem „ruhigen und besonnen Weg der sozialen und konstruktiven Auseinandersetzung“ wegnehmen möchte! Ich habe solche Hunde erlebt und es ist weder dem Halter noch meiner Trainerin gelungen, näher als 5 Meter an den Hund heranzukommen, sonst hätte er zugebissen. Da war nix mit sozial und so. Vielleicht haben Hunde, die sich im erwachsenen Alter so verhalten als Welpe gelernt, dass ihr Mensch einfach so daherkommt und ihnen das, was sie „erbeutet“ haben, wegnimmt?

Das hat meine Trainerin auch schon gesagt:

Somit wird nicht getauscht, sondern nach(!) der Durchsetzung des erzieherischen Anspruchs der Hund belohnt. Genau das ist Hundeerziehung!

Ihr ist genau das in der Arbeit über die positive Verstärkung wichtig. Im Ziel wird der Hund weder gelockt noch wird getauscht. Ich z.B. gebe meiner Hündin ein Signal und sie befolgt dieses freudig und gerne, weil ich es ihr mit vielen Emotionen, Spaß und Freude sowie dem einen oder anderen Leckerchen beigebracht habe – gewaltfrei und mit positiver Verstärkung.

Die „Abhandlung“ von Herrn Baumann über Strafe kürze ich ab und behaupte jetzt einfach mal Folgendes: Eine Strafe ist dann eine Strafe, wenn der Empfänger sie als solche empfindet.

Das Wegnehmen des Schweineohrs wird von Behavioristen als Strafe deklariert und das obwohl diese Aktion als erzieherische Maßnahme keinerlei Bezug zu einer Strafe im gesellschaftlichen Sinne hat.

Ich frag mal so: Das einfache Wegnehmen eines Schweineohrs wird der Hund wohl wie empfinden? Da lass ich sowohl den gesellschaftlichen Sinn als auch den Behaviorismus mal ganz außen vor und gehe ans Eingemachte: die Gefühle, die Emotionen. Denn diese bestimmen letztendlich, was sich belohnend/verstärkend bzw. was sich strafend auswirkt. Und ich kenne keinen Hund, der es als Freude und Spaß empfindet, wenn sein Mensch ihm ein Schweineohr – einfach so – wegnimmt.

Zum Thema Angst schreibt Herr Baumann Folgendes:

Es gibt jede Menge Belege dafür, dass der Behaviorismus beim Umgang mit ängstlichen Hunden im Vergleich zur humanistischen Psychologie vergleichsweise wenig taugt. Ein Welpe beispielsweise, der sich vor wackligen Untergründen fürchtet, wird auf einem Wackelbrett instabil, unsicher und schreckhaft sein. Nun kann versucht werden, im Sinne einer Gegenkonditionierung das Wackelbrett (negativer Aspekt) mit Leckerli (positiver Aspekt) zu bestreuen. Das positive Erlebnis auf dem negativ bewerteten Untergrund kann durchaus dazu führen, dass der Welpe seine Unsicherheit nach und nach abbaut und er letztlich keine Scheu mehr vor dem Wackelbrett hat. Solche und ähnliche Beispiele sollen uns zeigen, wie ausgesprochen erfolgreich die behavioristische Verhaltenstherapie sein kann. Verschwiegen wird aber, dass bei vielen Welpen der erhoffte Erfolg deshalb ausbleibt, weil die Intensität bzw. Attraktivität des positiven Aspektes (Leckerli) so hoch ausfällt, dass diese Welpen den negativen Aspekt des wackligen Untergrundes überhaupt nicht mehr wahrnehmen. Das Wackelbrett wird somit ganz einfach „ausgeblendet“, es kommt quasi zu einer Bewusstseinsüberlagerung. Versucht man im Folgetraining das Leckerli zu reduzieren oder gar wegzulassen, bleibt nur das Wackelbrett „eingeblendet“ und schon ist die Angst wieder da.

Die von ihm erwähnten Belege kenne ich jetzt nicht, was nicht heißt, dass sie nicht existieren könnten. Die Betonung liegt auf „könnten“, Zahlen und Daten, also echte Fakten wären auch hier hilfreicher.

Ansonsten beschreibt er auch hier wieder kein Training über positive Verstärkung, sondern die Arbeit über Locken. Und ja, dabei kann es natürlich zu dem beschriebenen Ergebnis kommen. Ich kannte einen Hund, der hat seine Umwelt komplett ausgeblendet, wenn sein Mensch ein Spielzeug in der Hand hielt. Da hätte eine Bombe neben ihm explodieren können – wie man bei uns hier zu sagen pflegt – der Hund hätte nach seinem Spieli geschaut. Aber das hatte nichts mit einem vernünftigen Training zu tun, obwohl diese Hundehalterin das auch in einer (nicht rein über positive Verstärkung arbeitende) Hundeschule erlernt hat.

Natürlich kann man auch bei Ängstlichkeit versuchen, den ersten Schritt über Locken zu formen, aber das ist doch nicht das Ende, das Ergebnis, das ist doch nur der allererste Schritt! Sicherlich gibt es Hundetrainer, die nicht mehr Wissen haben, als den Hund zu locken, die den Zeitpunkt verpassen, auf die Lockmittel zu verzichten. Dann hat der Hund als Kontextlerner natürlich gelernt, dass das Lockmittel (der Keks, das Spieli) dazugehört zu der Übung! Und womöglich behaupten diese Trainer auch von sich, dass sie über positive Verstärkung arbeiten – das möchte ich noch nicht einmal abstreiten, selbst schon erlebt.

Aber das hat letztendlich nicht wirklich viel gemeinsam mit der tatsächlichen Arbeit über positive Verstärkung. Es wäre fein, wenn das nach so vielen Jahren der Anwendung, des Wissens, auch wirklich mal alle (zumindest alle Hundetrainer) erreichen würde.

Weshalb den clickernden und über positive Verstärkung arbeitenden Menschen immer wieder abgesprochen wird, dass sie ihrem Hund soziale Unterstützung geben, werde ich wohl nie verstehen. Was tun wir alles, um dem Hund soziale Unterstützung zu geben?! Häufig genug werden wir ja genau dafür kritisiert! Manchmal habe ich den Eindruck, egal was die Halter und Trainer der positiven Verstärkung auch machen, es wird kritisiert. Woran mag das wohl liegen? Eins der wichtigsten Hilfsmittel bei Angst dürfte das konditionierte Entspannungssignal in all seinen unterschiedlichen Formen sein. Hierbei bekommt der Hund sehr viel soziale Unterstützung.  Das konditionierte Entspannungssignal wird von vielen Trainern, die über positive Verstärkung arbeiten, gelehrt.

Manchmal muss man tief Luft holen…. Herr Baumann arbeitet eher wie folgt:

Als deutlich zuverlässiger im Angstabbau muss deshalb die abgestufte Reizkonfrontation aus der humanistischen Psychologie angesehen werden! Einzige Voraussetzung: eine insgesamt solide und auf Vertrauen beruhende Mensch-Hund-Beziehung. Wird diese Voraussetzung nicht erfüllt, bleibt nur das bereits erläuterte Konzept der „materiellen“ Gegenkonditionierung Bei der abgestuften Reizkonfrontation (soziale Gegenkonditionierung) kommt es zu keiner Bewusstseinsüberlagerung, da sich der unsichere Welpe BEWUSST mit dem Wackelbrett auseinandersetzen muss. Allerdings geschieht dies durch die schützende Betreuung und Unterstützung seines Sozial- und Beziehungspartners Mensch. Der Mensch gibt dem Hund Halt, Sicherheit und Geborgenheit. Dabei lernt der Vierbeiner, sich auf dem „Ungetüm“ Wackelbrett nach und nach zurechtzufinden. Bei großer Unsicherheit findet er Halt bei seinem Menschen; lässt die Unsicherheit etwas nach, wird er durch verbales und taktiles Lob (ruhige Stimme und sanfte Streicheleinheiten) in seiner zunehmenden Sicherheit gestärkt. Das Ganze nennt man schlicht soziale Unterstützung.

Jetzt mal ehrlich…, wenn ich schaue, was da alles so bei meiner Hundetrainerin im Training landet – also da hat kaum ein Hund eine solide und auf Vertrauen beruhende Mensch-Hund-Beziehung! Die meisten Hunde haben Schreckliches hinter sich und somit viele Ängste oder Aggressionen. Viele andere sind einfach gar nicht erzogen, tun was und wann sie es wollen.

Heißt, der Großteil der Hunde „muss“ zwangsläufig über dieses ach so böse materielle Gegenkonditionieren trainiert werden! Eine äußerst seltsame Aussage wie ich finde.

Zu diesem Wackelbrettbeispiel hat Herr Baumann 4 Bilder eingestellt, die zeigen, wie der auf dem Wackelbrett stehende Hund von seinem Menschen diese soziale Unterstützung bekommt. Hm, ich interpretiere das Ausdrucksverhalten der Hunde vermutlich anders als Herr Baumann, denn beide Hunde wirken nicht auf mich, als ob sie die soziale Unterstützung genießen würden. Körpersprache und Ausdrucksverhalten zeigen Stressanzeichen und das Kleingedruckte würde ich persönlich so interpretieren, dass die Hunde gerne Abstand zu ihrem sie umarmenden Menschen hätten. Aber ja, so ist das halt mit den Interpretationen….

Abschließend möchte ich sagen: Nicht überall, wo positive Verstärkung drauf steht, ist auch positive Verstärkung drin. Mir ist bekannt, dass es einige Hundeschulen und Trainer gibt, die eben nicht wirklich wissen, wie es geht, aber „es“ dennoch anwenden. Dann kommt natürlich kein gutes Ergebnis zum Vorschein. Das ist aber mit allem so, was nicht richtig angewendet wird – auch oder sogar besonders – bei strafenden Elementen im Hundetraining.

Mit einem wirklich alles umschreibenden Zitat von Frau Dr. Ute Blaschke-Berthold möchte ich diesen Artikel beenden:

Wer sagt, dass zuverlässiges Verhalten bei diesem oder jenem Hund nicht ohne Strafe erreichbar ist, sagt nichts über den Hund aus, sondern beschreibt erst einmal seine eigenen Fähigkeiten

 

Liebe Grüße eure Biggi (wurde bissele länger, sorry)

Hier ist der komplette Artikel von Herrn Baumann zu lesen, welchen er in Facebook geteilt hat.

 

 

 

 

Advertisements