Gastbeitrag von Elke Kauth

In letzter Zeit wird das Thema „Gewalt im Hundetraining“ heftig diskutiert. Es ist ein sehr wichtiges Thema, keine Frage, und häufig gab es auch schon sachliche und spannende Beiträge. Leider lässt die Diskussionskultur so manches Mal zu wünschen übrig, da Menschen sehr schnell von der sachlichen auf die emotionale Ebene wechseln und beleidigend werden, aber auch Dinge behaupten, die so einfach nicht richtig sind.

Ich bin eine der Trainerinnen, die gewaltfrei nach Tsd (Trainieren statt dominieren) arbeiten; unser Grundstz sind hier nachzulesen: Trainieren statt dominieren – Unser Grundsatz.

So arbeitende Hundehalter und TrainerInnen werden ganz häufig als „Wattebauschwerfer“ bezeichnet. Richtig ist das nicht, denn wir werfen auch nicht mit Watte, außer in diesem Video, in welchem es die Kolleginnen ganz dolle versucht haben, schaut selbst: Video Wattebauschwerfen

Manche nennen uns auch „Grünschleifen“, was wohl damit zu tun hat, dass wir uns für eine grüne Schleife im Logo für „Trainieren statt dominieren“ entschieden haben. Ich persönlich habe kein Problem damit, so betitelt zu werden, ganz im Gegenteil!

Im Rahmen vieler Diskussionen wird uns gewaltfrei und auf der Belohnungsbasis arbeitenden Trainern immer wieder vorgeworfen, wir würden die Hunde antiautoritär erziehen bzw. wir würden keine Grenzen setzen. Das ist aber rundherum schlichtweg falsch. Wir erziehen weder Laissez-faire noch antiautoritär und wir setzen klare Grenzen. Der Unterschied des Grenzensetzens besteht jedoch darin, dass unsere Hunde weder Schreckreize wie Klapperdose, Zischlaute o.ä., noch körperliche Gewalt wie Leinenrucke, Alphawürfe etc. erfahren müssen.

Ich weiß nicht, weshalb andersarbeitende Trainer und auch Hundehalter uns immer unterstellen, wir seien dazu nicht in der Lage oder es sei nicht möglich, positiv Grenzen zu setzen. Es ist möglich und wer behauptet, dass es nicht geht, der weiß es nicht besser, diesen Menschen fehlt Wissen.

Immer wieder wird der Vergleich angeführt, dass Hunde unter sich auch keine Leckerchen werfen. Natürlich nicht. Aber rucken sie an der Leine, oder treten sie in die Weichteile, zischen sie oder wenden Reizstromgeräte an? In fast 30 Jahren Arbeit mit Hunden und Menschen konnte ich ein solches Verhalten nicht ein einziges Mal beobachten. Überhaupt habe ich nicht erlebt, dass Hunde sich untereinander dahingehend erziehen, wie wir unsere Hunde zu erziehen pflegen. Da wird kein „Sitz“ oder „Platz“ verlangt, kein „Bleiben“ während vorne ein Kaninchen davonstiebt und kein „Hier“, weil sich ein Artgenosse nähert. Hunde untereinander erziehen sich eher nicht in dieser Form.

Auch rein belohnungsorientierte, gewaltfrei arbeitende Hundehalter sind mal abgelenkt oder träumen vor sich hin, waren unaufmerksam, haben die feinen Signale ihres Hundes übersehen und eine Situation eskaliert, der Hund rennt Richtung Straße oder setzt einem Jogger nach. Natürlich retten wir dann die Situation mit einer Managementlösung und JA, bevor der Hund auf die stark befahrene Straße rennt und droht, überfahren zu werden, rucke ich auch an der Leine. Aber das ist KEIN Training! Hier handelt es sich um eine Ausnahmesituation und ein unachtsamer Moment spiegelt nicht die Art und Weise, wie wir unserem Hund beibringen, auf dem Gehweg zu bleiben oder den Jogger zu ignorieren.

Immer wieder gern argumentiert wird auch damit, dass die Wattebauschwerfer oder Grünschleifen nur mit „Heititei-Hunden“ umgehen, die eh keine großartigen Probleme haben, vor allen Dingen keine Aggressionsprobleme. Diese Aussagen sind schon lachhaft, denn alle Trainer haben auch mit aggressiven Hunden in den unterschiedlichsten Bereichen zu tun, egal wie sie trainieren. Und es liegt natürlich klar auf der Hand, dass ein Hund, der eh schon viel Negatives vom Menschen erfahren hat, diesem zunächst nicht vertraut und vieles als bedrohlich wahrnimmt. Aus Erfahrung kann ich behaupten, dass vertrauensbildende Maßnahmen deutlich dazu verhelfen, dass gerade „solche“ Hunde sehr schnell und vor allen Dingen nachhaltig erwünschtes Verhalten erlernen; vollkommen gewaltfrei.

Häufig wird als Vergleich das Wolfsrudel oder auch das Hunderudel genannt und wir Grünschleifen sollen nur mal hinschauen, wie die Wölfe das untereinander regeln. Nun, da ich einen Hund an der Leine führe und keinen Wolf, schau ich persönlich lieber, wie Hunde lernen und sich ausdrücken. Ich möchte ja nun auch nicht mit einem Affen verglichen werden, obwohl er zu unseren Vorfahren zählt. Beobachtungen eines Hunderudels konnte ich leider noch keine tätigen, da wir hier in Deutschland eher keine freilebenden Hunderudel haben und alles andere, was sich so bei Spaziergängen mal trifft und Kontakt zueinander hat, ist nicht mit einem Rudel vergleichbar. In der Verhaltensbiologie wird ein Rudel wie folgt definiert (Quelle Wikipedia):  Rudel (Verhaltensbiologie).

Heißt also, wenn wir mit unserem Hund kein Rudel bilden und unsere bei und mit uns lebenden Hunde untereinander kein Rudel bilden, weshalb sollte ich Mensch mich dann als Hund fühlen oder mich als Alphatier verhalten müssen, damit dieser mich versteht? Weshalb ist es nötig, die Rudelführung zu übernehmen für ein Rudel, das es gar nicht gibt?

Ja, ich liebe es, meinen Hund zu belohnen – mein Hund liebt dies im Übrigen auch. Aber deshalb fühle ich mich nicht als wandelnder Futtersack, denn wer nur Leckerchen oder Kekse als Belohnung einsetzt, dem fehlt so einiges an Phantasie zu diesem Thema. Belohnung ist immer das, was der Hund aktuell haben möchte, und das ist bei Weitem nicht immer ein Keks oder ein geworfenes Spielzeug. Es gibt so viele Möglichkeiten, einen Hund bedürfnisgerecht zu belohnen, weshalb werden diese ausgeblendet? Wissen anders arbeitende Hundehalter oder Trainer nichts davon? Ist es zu kompliziert? Woran liegt das nur? Ich weiß es nicht, aber ich weiß, seit ich meinen Hund so belohne, dass es in erster Linie für IHN eine Belohnung oder einen Verstärker darstellt, haben wir den Durchbruch geschafft. Ob nun im Umgang mit Artgenossen (die hatte er zum Fressen gerne), oder im Bezug auf Menschen und die Umwelt (davor hatte er große Angst und biss auch zu) bis hin zu seinem sehr stark ausgeprägten Jagdverhalten – die richtige Belohnung/Verstärkung und der Verzicht auf jeglichen Druck hat aus dem beißenden, jagenden Schisser einen gut durch’s Leben zu führenden Hund gemacht.

Was jedoch im Einzelnen für jeden Hund verstärkend wirkt, ist sehr unterschiedlich und kommt auf die zugrunde liegende Emotion in der vorherrschenden Situation an. Um effektiv zu arbeiten, ist es also nötig, den Hund gut zu beobachten und ihm positive Rückmeldungen für noch erwünschte Verhaltensweisen zu geben – das verhindert Fehlverhalten.

Auch gut auftrainierte und abrufbare Alternativen verhindern, dass der Hund einen Fehler machen muss. Wird ein Fehlverhalten jedoch zugelassen, befinden wir uns auf der Ebene des Korrekturtrainings und somit im strafenden Bereich; vollkommen unnötig.

Es gibt noch jede Menge mehr an Unterstellungen und falschen Behauptungen, was die gewaltfreie Erziehung anbelangt, hier wollte ich nur die wohl am häufigsten auftretenden kurz beleuchten. Fakt ist, dass Lernen im Gehirn passiert und Hunde, wie auch wir Menschen, zu den Säugetieren gehören. Demnach lernen Hunde ähnlich wie Menschen – und wie lernt ihr jetzt lieber? Indem man euch auf vertrauensvoller Basis für erwünschtes Verhalten belohnt und euch erfahren lässt, dass es Spaß macht sich so und nicht anders zu verhalten, oder indem man euch „ins offene Messer“ laufen lässt und dafür auch noch bestraft?

Lernen über Strafe wurde schon vor vielen Jahren in den Schulen abgeschafft, weil es nicht nachhaltig ist, weil es nichts bringt – wieso tut man sich in der Hundeerziehung nur so schwer damit? Weil man mehr mitdenken muss?  Oder weil man schlichtweg keine Ahnung hat von Lernverhalten? Ich weiß es nicht.

Es liegt mir fern, über andere Trainingsmethoden negativ zu schreiben oder Menschen, die solche anwenden, anzuprangern. Schaut man sich die Seiten oder Gruppen der gewaltfrei und rein auf positiver Verstärkung arbeitenden Trainer und Hundehalter an, so findet man dort sehr viele Artikel und Hinweise über die Art unseres Trainings. Schaut man auf die Seiten oder Gruppen derjenigen Menschen, die ständig versuchen, uns Unfähigkeit zu unterstellen, findet man was? Nun, auf alle Fälle seltenst Berichte oder Hinweise bezüglich Hundetraining, dafür aber häufig viel „Schmiererei“ über die Wattebauschwerfer und Grünschleifenträger. Haben anders arbeitende Trainer oder Hundehalter keine eigenen Themen, über die sie berichten können? Das wirkt auf mich schon ein wenig befremdlich.

Als Abschluss wünsche ich mir, dass so wie schon in den letzten Jahren langsam aber stetig immer mehr Hundehalter zu der Erkenntnis kommen, dass physische und psychische Gewalt in unserem Leben und schon gar nicht in der Hundeerziehung, etwas verloren haben, denn: Es geht auch anders, nämlich gewaltfrei!

Lieben Dank fürs Lesen!

 

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