Im Hundetraining werden häufig viele Begriffe verwendet, die dem normalen Hundehalter bei Weitem nicht so geläufig sind und zu Verwirrungen oder auch Missverständnissen führen.

Die vier Säulen, worauf das Lernen aufbaut, sind gar nicht so schwer zu verstehen und begleiten nicht nur die Hunde, sondern auch uns Menschen tagtäglich in ihrem Leben.

Früher hießen die Begriffe: positive Belohnung, negative Belohung, positive Strafe und negative Strafe. Heute sagt man häufig „Verstärkung“ anstatt „Belohnung“ oder aber auch „Bestrafung“ anstatt „Strafe“. Was hat es damit auf sich und was bedeuten diese Begrifflichkeiten eigentlich?

Meine Samira sieht aus der Ferne ihren Hundekumpel ankommen und ihr Bedürfnis wäre jetzt, dorthin zu laufen, den Kumpel zu begrüßen und möglichst ne Runde mit ihm zu flitzen – beide lieben diese Art des Spiels. Mein Bedürfnis ist anders, bei mir steht zuerst die Sicherheit. Also erwarte ich, bevor Samira losrennt, dass sie ein alternatives Verhalten zeigt, welches mir die Möglichkeit gibt zu reagieren. Wir haben mehrere Alternativen trainiert, häufig schenkt mir Samira einen fragenden Blick „darf ich“ – und je nach Situation entscheide ich dann.

Schenkt mir meine Maus also diesen entsprechenden Blick und nichts spricht dagegen, dass sie ihr Bedürfnis, im Beispielfall des Kontaktes und Spiels, befriedigt, erhält sie von mir die Freigabe. Das ist dann eine „Verstärkung“, weil ich ein Bedürfnis des Hundes befriedigt habe.

Bekäme Samira nach diesem Blickkontakt zu mir ein Leckerchen, so ist das – in meinen Augen – eine Belohnung; in ihren aber nicht, denn sie möchte immer noch zu ihrem Hundekumpel laufen und nicht fressen!

Dem Hund etwas „Gutes zu tun“ ist also nicht immer eine Verstärkung. Diese bildet sich erst dann, wenn ein Bedürfnis befriedigt wird.

Wie ist das nun mit der Strafe oder Bestrafung? Eine Strafe ist dann eine Strafe, wenn sie vom Hund auch strafend empfunden wird und nicht nur als unangenehme Einwirkung (die nur hemmt). Eine Strafe wird dafür sorgen, dass das gezeigte Verhalten weniger oft oder weniger stark ausgeprägt etc. gezeigt wird. Eine Strafe steht aber auch unter bestimmten Regeln, so muss sie z.B. immer angekündigt werden, immer auch sofort durchgeführt werden und nicht erst eine gefühlte Ewigkeit später… – nicht einfach, dies im Alltag jeweils richtig anzuwenden.

Überhaupt stellt sich mir die Frage, weshalb wird ein Hund erst in ein Fehlverhalten geführt? Haben die Menschen wirklich so viel Spaß und Freude am Schimpfen, Strafen und Korrigieren? Häufig hat man doch vorher schon Möglichkeiten, noch richtiges oder erwünschtes Verhalten positiv zu verstärken. Das setzt „nur“ voraus, dass man die Bedürfnisse seines Hundes kennt – ist das so schwierig? Offenbar schon!

Zurück zu unseren Lernsäulen und ihrer Bedeutung. Die Worte „positiv“ oder „negativ“ sind hier als „plus“ oder „minus“ zu sehen, nicht als „gut“ oder „schlecht“ – das ist ganz wichtig zu wissen.

Die positive Verstärkung bedeutet also, dass dem Hund etwas zugefügt (positiv = plus, es kommt etwas hinzu) wird, was sich für ihn verstärkend (bedürfnisbefriedigend) oder wenigstens belohnend auswirkt. Samira sieht ihren Hundekumpel, schenkt mir einen Blickkontakt, ich erlaube ihr dorthin zu laufen – das ist eine positive Verstärkung in diesem Moment. Diese wirkt sich auf das zuvor gezeigte Verhalten (Blickkontakt zu mir) aus und genau diesen werde ich zukünftig in ähnlichen Situationen wieder erhalten – es hat sich ja gelohnt für den Hund.

Die negative Verstärkung bedeutet demnach, dass etwas vom Hund entfernt wird und das wiederum wirkt sich für den Hund verstärkend (belohnend, gutes Gefühl) aus. Ein Beispiel: meine Samira mag des Nachbars Doggenmischling Bruno nicht. Bruno ist groß und tollpatschig, bellt immer sehr laut – das gefällt Samira nunmal nicht. Treffen wir unterwegs auf Bruno (der immer angeleint ist), schaut mich Samira an und ich erlaube ihr zu gehen! Nicht zu Bruno hin, weil genau das möchte sie ja nicht. Samira darf in einem ihr angemessenen Bogen um Bruno herumlaufen, so dass er keine Kontaktmöglichkeiten hat. Samira möchte also Distanz zu Bruno (die unerträgliche Nähe wird weniger) und diese wirkt sich verstärkend aus.

Negative Verstärkung ist also z.B. auch eine Distanzvergrößerung, die der Hund sich wünscht! Negative Verstärkung setzt voraus, dass der Hund die Situation an sich zuerst als unschön, bedrohlich oder beängstigend empfindet. Negativ = minus, es wird etwas weggenommen und die Situation wird dann für den Hund angenehm, er fühlt sich besser.

Die positive Strafe ist wiederum einfach erklärt. Dem Hund wird etwas hinzugefügt, was er selbst als strafend empfindet, wie z.B. ein körperlicher Schmerz. Aber auch bedrohliche Körpersprache des Menschen ist häufig eine positive Strafe aus Sicht des Hund; er wird verunsichert, verängstigt. Ebenfalls unter diesen Strafbegriff fällt alles, was einen Hund erschreckt, wie z.B. Rappeldosen, Wassserschlauch etc. – Erschrecken ist etwas schlimmes, man denke nur an sich selbst!

Die negative Strafe empfindet der Hund in aller Regel als sehr frustrierend, ich nenn sie auch gerne die frustrierende Strafe. Dem Hund wird etwas entzogen, was er gerne mag, das wirkt sich frustrieren = strafend aus. Ein häufig genanntes Beispiel in diesen Situationen: der Hund bellt den Menschen an, weil er Aufmerksamkeit von diesem möchte – der Mensch macht eine Ansage, dreht sich um und geht außer Sicht oder in ein anderes Zimmer für einen kurzen Moment.

Das wirkt auf den Hund frustrierend und es gilt gut zu überlegen, ob eine solche Strafe wirklich sinnvoll ist, denn im frustrierten Zustand findet Lernen wiederum nur bedingt statt.

Ich versuche mit Samira auf Strafe zu verzichten, wo immer es möglich ist. Wir arbeiten fehlervermeidend und haben dadurch sehr viele Möglichkeiten positiv zu verstärken. Das bedeutet nicht, dass im alltäglichen Umgang mit in manchen Situationen zur Verhinderung von Schlimmerem oder Gefahren, Strafe zum Einsatz kam. Aber das ist kein Training, sondern eine ungünstige Managementlösung.

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